Verlagerung des Fernbahnhofs nach Diebsteich: Nur mit zweiter DB-Lounge!

Das Planfeststellungsverfahren zur Verlagerung des bisherigen Fern- und Regionalbahnhofs Altona zum Diebsteich läuft. Da die Babys neue Namen brauchen, hat der Senat jüngst in einer Unterrichtung für die Bürgerschaft (Drucksache 21/8161, PDF) schon mal erklärt: Aus dem Bahnhof Altona soll “Altona Mitte” werden, aus Diebsteich “Hamburg-Altona-Nord (Diebsteich)”. Na, hoffentlich verläuft sich da niemand.  Die Unterrichtung mit dem Titel: “Stellungnahme des Senats zu dem Ersuchen der Bürgerschaft vom 2. März 2016 „Neuer Fernbahnhof Altona-Nord (Diebsteich): Jetzt die richtigen städtebaulichen Weichenstellungen für Altonas neuen Verkehrsknotenpunkt und dessen Umfeld vornehmen“ (Drucksache 21/2880) sowie allgemeiner Sachstandsbericht zur Verlegung des Fernbahnhofs Hamburg-Altona” stammt taufrisch vom 28. Februar und erläutert auf 10 Seiten, was Rot-Grün nun so alles vor hat bei der Verlegung. Das entscheidende aber übersieht der Senat völlig.

So erfährt man, dass eine europaweite Ausschreibung am 4. Januar begonnen hat, mit der Investoren gesucht werden, damit am neuen Bahnhof am Diebsteich ein “städtebaulich und hochbaulich ansprechender Gebäudekomplex errichtet” werden kann (siehe dazu hier). Ende August 2017 soll das Verfahren dafür durch einen Beschluss der Kommission für Bodenordnung abgeschlossen werden. Da muss irgendwie der übliche Bahn-Krims-Krams untergebracht werden. Der städtebauliche Hammer aber ist: “Der wesentliche Teil des Gebäudekomplexes wird aus zwei unterschiedlich hohen Türmen (im Minimum XIII bzw. XVII, im Maximum XV bzw. XX Geschosse) gebildet, die das Herzstück des Vorhabens, die mindestens 12,50 Meter hohe großzügige Bahnhofs-Empfangshalle, flankieren.” Hat man noch nicht gesehen!

Aber es kommt echt noch viel besser: “Darüber hinaus soll es einen durchlaufenden dreigeschossigen, liegenden Gebäudekörper geben. In den Erdgeschossen sind kleinteiliger Einzelhandel, Gastronomie und Flächen für eine Fahrradstation (Fahrradparkhaus mit zugehörigen radbezogenen Serviceeinrichtungen) vorgesehen. Zentrenschädigender großflächiger Einzelhandel wird ausgeschlossen.” Kein Media-Markt oder Saturn? Ist der Hinweis auf die Fahrradstation womöglich schon ein Problem mit den Busanbindungen? Na, vermutlich nicht.

So richtig umwerfend und einzigartig aber wird es, wenn der Senat das unglaubliche verkündet: “In der Empfangshalle, die als Zugang zur Personenunterführung ebenfalls bahnrechtlich gewidmet werden muss, soll es ein Deutsche Bahn – eigenes Reisezentrum und Shops für Reisebedarf geben.” Bahnhof mit Reisezentrum und Reisebedarfshops? Wo gibt es das sonst?

Ich könnte Stundenlang in dieser Unterrichtung weiter lesen. Schon gleich der nächste Satz gibt mir völlig neue Perspektiven: “Die Personenunterführung, der Durchgang durch die Empfangshalle und der Vorplatz bilden dabei gleichzeitig eine Hauptwegeverbindung zwischen den Stadtteilen Altona-Nord und Bahrenfeld und ist Bestandteil der Landschaftsachse Altona, die mit einer dafür angemessenen baulichen Gestaltung zu berücksichtigen ist.” Das ist natürlich großartig, aber muss es nicht heißen “sind” Bestandteil… ?

In jedem Fall werde ich den Rest des Abends mal überlegen, was denn angesichts so einer wahnsinnig geilen Landschaftsachse Altona eigentlich angemessene bauliche Gestaltungen sein könnten? Rauch ich was dazu?

Gut auch, dass noch Spielräume bleiben, die vielleicht bürgernah genutzt werden können? Denn was in diese Türm soll, ist laut Senat bislang nicht wirklich entschieden. “In den Türmen sind ein Hotel oder Büros vorstellbar.” Aber vielleicht könnten wir uns da ja auch anderes vorstellen? Wie wäre es mit einem Konzerthaus? Kann man im Grunde nicht genug von haben.  Wichtig für diejenigen, die sich anderweitig Gedanken machen wollen: “Wohnungen sind an dem Standort auf Grund der Lärmbelastung nicht zulässig.” Und überaus wichtig für den Senat ist: “Das Gebäude soll einen auch in der Fernwirkung wahrnehmbaren städtebaulichen Akzent setzen und einen positiven Impuls für die langfristige Entwicklung des umgebenden Stadtraumes bewirken. (vgl. Anlage 1/Testentwurf)” Fernbahnhof mit Fernwirkung. Das ist einfach total durchdacht!

Was mich aber vor allem noch interessiert und vermutlich für alle Reisenden von entscheidender Bedeutung sein dürfte: Wo soll den Bitte die DB-Lounge in diesem neuen Bahnhof sein? Es kann ja wohl doch nicht sein, dass der rot-grüne Hamburger Senat das wichtigste an Status-Symbol bei dieser hunderte Millionen schweren Bahnhofsverlagerung übersieht: Hamburg muss endlich mit dieser Bankenzentrale Frankfurt gleichziehen und braucht unbedingt eine zweite, ja mehr noch, eine dritte DB-Lounge. Wo kommen wir denn da hin! Wenn ihr das nicht beachtet, sagte ich NEIN zur Verlegung.

Und, auch das muss nun noch  an die Adresse der LINKEN Bürgerschaftsabgeordneten Christiane Schneider, Cansu Özdemir und Heike Sudmann gesagt werden: Eure Kleine Anfrage, mit der ihr unter dem populistischen Titel “Nur ja nicht sitzen am Hauptbahnhof!” (PDF) mal wieder nur rumnörgelt, ist im Angesicht der DB-Lounge in eben diesem Bahnhof doch völlig fehl am Platz. Einfach mal am Bahnhof das tun, wozu er doch ehemals erfunden wurde: Einfach mal ein wenig Bahnfahren und dann könntet ihr bequem in der Lounge in gepolsterten Ledersesseln abhängen, kostenlos Kaffee und Tee schlürfen und dazu auch noch kostenlos aufs Klo. Da muss man doch dem eh schon überarbeiteten rot-grünen Senat nicht das Ohr abkauen.

So, nun lasse ich mal das Schreiben und mache mich an den Rest dieser wundervollen Lektüre.

 

3 Gedanken zu „Verlagerung des Fernbahnhofs nach Diebsteich: Nur mit zweiter DB-Lounge!

  1. „Wohnungen sind an dem Standort auf Grund der Lärmbelastung nicht zulässig.“

    Fürwahr!!!! Nach 31 Jahren entspanntem Wohnen bin ich dann auch schnellst mal hier weg vom Bahnhof Diebsteich
    oder Altona Nord, wie der Scheiß denn nun heißen soll….
    DANKE DANKE DANKE!!!!!

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